Thursday, May 18, 2006

Vom Mann, der es nicht wissen sollte






Der Regen hatte das Kopfsteinpflaster gekühlt. Regenschirme fließen im Gleichstrom durch die Straßen und werden hier und da von einer Türe verschluckt. Ein kleiner Sonnenstrahl wirft sich noch einmal mutig vom Himmel. Für ihn gibt es hier nichts mehr zu finden. Eine alte Frau schiebt ihr graues Rad durch die leeren Gassen. Es hat einen braunen, durchnässten Sattel. In diesem Moment neigt sich die Sonne dem Mond und die Nacht legt behutsam einen Mantel des Schlafens auf die Stadt. Die auf dem regennassen Asphalt verschwommenen Lichter der Straßenlaternen geleiten die Stille sicher durch alle Winkel. Ein paar Ecken werden als schlaflos ausgespart. Jene bleiben die gesammte Nacht hindurch unbeeindruckt vom Machtspiel des Mondes. In eben diesem Moment, ein paar Straßen weiter: Ein Mann trinkt den letzten Schluck seines Gewürztraminers und dreht das Glas in seiner rechten Hand, bevor er es schließlich vorsichtig auf seinen Tisch stellt. Anschließend holt er einen Umschlag aus seiner Jackentasche
und wirft ihn unter die Holzbank auf der er sitzt. Ein Lächeln entwischt schmerzlich seinen Lippen. Er bezahlt mit großen Scheinen und verlässt das Lokal. Eine halbe Stunde später wird eine junge dunkelblonde Fau an seinem Tisch Platz nehmen, sich etwas die engen Schuhe lockern und dabei den Brief entdecken. Sie wird ihn öffnen, ein Glas Mineralwasser bestellen und das Blatt herausnehmen. Einen einzigen Satz wird sie darauf entdecken:
Heute, lieber François, ändert sich Dein Leben". Sie wird das Blatt beiseite legen und überlegen. "Ob er es gelesen hat, bevor er den Umschlag verlor? Ob er es weiß?" Der Mann hat noch den Geschmack seines Weines im Mund, als er die lange Straße hinunter läuft. Zwei Straßenecken weiter sieht er ein altes Rad mit braunem Sattel auf dem Boden liegen. Eine halbe Stunde später wird ein junger verschwitzter Arzt seine Bemühungen einstellen und akzeptieren, dass die alte Frau, die er in seinen Händen hält, schon lange tot ist. Der Mann nimmt das Rad und lehnt es an die verschmutzte Hauswand. Er geht weiter.


Hier gibt es M&Ms, Snickers und gesalzene Erdnüsse aus einem Automaten, warmes Dosenbier und Himbeerbrause aus einem anderen. Er geht die Treppen hinunter. Aus einem alten kratzigen Radio klingen Bachs Schüblersche Choräle. Eine verrostete Petroliumlampe zeigt ihm den Weg. Dort sah er ihn. Er war alt, saß auf der untersten Treppe und starrte ihm direkt in die Augen. Er erschrak und flüsterte dem Alten entgegen:
“Ich dachte du bist gestorben, alleine, und das vor langer Zeit. Und dann, dann schien es mir als habe ich Menschen gesehen, die in sich versunken von deinem Requiem zurück kamen. Man erkannte die Angst in ihren Gesichtern. Zarte Kindergesichter mit Angst und Unwissen, vom Leben geprägte Gesichter der Greise erfüllt mit der Angst der Gewissheit. “Nein, da irren Sie sich, mein Freund. Wir verloren nie die Kontrolle, nur das Interesse. Wir haben die Welt verkauft und uns zurück gezogen. Autoregulation. Ein Kausalnetz, dass sich immer wieder von selbst webt. Der Überlebenswille als universeller Antrieb meiner immerwährenden Existenz und doch bin ich nur Fundament und Deckengewölbe. Spielen sie Skat? Nein? Zu schade.
Was glauben Sie haben sie vor sich, führte der alte Mann fort? Einen Toten? Würden Sie eine Rund Skat verlieren, gegen einen Toten. Wäre es der Beweis meiner Existenz? Würden Sie hinauf gehen und schreien, dass ich lebe. Sie haben es schließlich mit ihren eigenen entzündeten Augen gesehen.
Er antwortete dem alten Mann nicht. Warf die Karten zu Boden und ging zum Automaten. Für 90 Cent bekam er eine Dose Bier. Dabei wurde ihm bewusst, dass er ihn geduzt hatte. Tot, bekannt, eigen. So war das also. Er ging zurück, setzte sich wieder auf die Treppe und teilte das Schweigen. Da kam ein junges Mädchen vorbei und suchte ihr Rad. Er traute sich nicht zu antworten. Er trank sein Bier, es war warm und scheußlich. “Sie werden diesen Ort nicht verlassen, nicht ohne eine Runde Skat mit mir gespielt zu haben.” “Aber warum das alles”, gab er zu bedenken. “Ganz einfach, erwidert der Alte, ”das Leben misst sich nicht in Intensitäten sondern in Kontrasten.” Aber das heißt noch lange nicht..
Wie messen sie die Zierde mit der sich eine Blume der Sonne neigt, das Lachen eines Kindes, den zarten Geschmack eines weiblichen Geschlechtes in das sie mit Ihrer Zunge eintauchen, die wärmende Sonne auf ihren Wangen, ohne den Geruch der Fäulnis zu kennen, ohne den Dorn des Todes zu spüren, ohne mit dem Gefühl vertraut zu sein, wie kalte Angst in ihrem Körper aufsteigt? Haben sie es niemals gelernt. Haben sie es nicht erkannt? Mensch sein, bedeutet Kontraste erleben. Würden sie den süßen Geschmack des Honigs schätzen, ohne das Wissen um die bittere Medizin? Wie intensiv würden sie lieben können, wenn sie sowieso jeden liebten? Würden sie das wunderbare Gefühl der menschlichen Geborgenheit in ihrem tiefsten Inneren empfinden ohne das Bedürfnis nach Schutz? Jetzt nehmen sie schon die Karten und fangen sie an zu spielen.

Am darauffolgenden frühen Morgen, würde jemand im Keller eines Instituts für Pathologie mit einem stumpfen Bleistift auf einen Notitzzettel schreiben.
Letzte Nacht- 2 Tote – Frau 82- Herzversagen, die Verletzungen sind von einem Radsturz –Mann 42 – Alkohol und Überdosis Meskalin, wahrscheinlich Suizid –sehen uns diese Woche nicht, bin mit meiner Frau und den Kindern beim Zelten.