Tuesday, March 14, 2006

Reisenacht im Zug




Reisenacht im Zug
Zugabteil 27. Frankfurt Hbf – Praha Hlavni Nadrazi.
Kurz vor Mitternacht.
Ihre Augen gleiten über die Zeilen ihres Buches
Der Blick wie auf Schienen entlang den Buchstaben
Sie hat etwas Fremdartiges, doch es lässt Platz für meinen Koffer.
Der Zigarettenrauch der einst hier wohnte ist weitergezogen.
Was sie liest bleibt ihr Geheimnis.
Die Züge ihres Gesichtes verraten nicht,
ob die Worte die sie andächtig aufsaugt
im Hintergrund ihrer Augen verweilen oder
ob sie tiefer in sie eindringen, gar berühren.
9 Stunden Nacht liegen vor mir,
ich fahre hinein mit ihr, der lautlos Lesenden
Das Geräusch des Umblätterns wie ein verlangsamter Herzschlag
Wissend um die lange Nacht – es muss sich also nicht beeilen.
Kann langsamer schlagen.
Ihre Augen gleiten unermüdlich auf den Schienen
Ich warte auf den einen Moment an dem sie anhalten
Und auf einem Wort ruhen wie ihre schwarzen Locken auf ihren Brüsten
Ein kurzer Halt auf den Schienen.
Zum Ein- und Aussteigen neuer und alter Gedanken.
Ein Gesicht zieht vorüber. Traut sich nicht hinein.
Ich halte den Atem an um sie nicht zu stören.
Da, … wieder einer ihrer Herzschläge.
Wie diszipliniert sie jedes einzelne Wort mit den Augen aufnimmt.
Als habe sie große Furcht auch nur eines könne auf dem Weg verloren gehen
Und man müsse die gesammte Nacht hindurch nach ihm suchen.
So gründlich ist man nicht für sich selbst. …
So gründlich ist man für einen anderen.
Sie bewahrt. Ihre Augen halten nicht an, um einen Gedanken herauszulassen.
Sie vermag es, die Nacht mit der Wärme eines erzählenden Menschen zu füllen,
doch hält sie sich in Schweigen,
damit nichts entschwindet., sie alles überbringen kann.
Nur in ganz seltenen Augenblicken verwendet sie eines der aufgenommenen
Worte, um die Kraft aufzubringen, selbst einen Herzschlag zu verrichten.
Doch nimmt sie ein unbedeutendes Wort,
das man später in der Erzählung nicht vermissen wird.
Es reicht gerade so aus.
Tschechische Grenze. Passkontrolle. Die Augen aus den Gleisen gerissen.
Es wird kein Wort gesprochen. Es darf nichts verloren gehen.
Pilsen. Bahnhof. Ein Seufzen. Ihre Brüste heben sich.
Ich wage die Defloration der Stille.
Was Lesen Sie? Die Augen gleiten zu mir herüber
- ich spüre die Gleise in meinem Gesicht - “Das Leben”
Wohin fahren Sie? - “Zu einem Sterbenden”

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