Tuesday, March 14, 2006

Unbekannter Ort, Bahnhof, Gleis 3 - Ostersamstag.

Der Regen der sich so gierig in Deine dunklen Haare saugte
Er hat 15min Verspätung - das reicht gerade noch.
Der Geruch eines Bahnhofs. Würde es doch regnen. Deine Hand fühlt sich kalt an. Du zitterst. Du bist heute aufgewacht, du hast Frühstück gemacht. Doch das Lächeln blieb liegen. Es ruht noch immer auf Deinem Kissen. Du tränkst es mit Deinen Tränen. Du duschst alleine. Ausnahmsweise. Deine Hände krallen sich in mein Hemd. Du flehst mich an zu bleiben. Für ein Leben. Doch im Moment stehst Du noch unter der Dusche. Du weinst fürchterlich. Man hört es lauter als das Wasser. Meine Hände suchen Halt an der alten Kaffeetasse. Ich blicke aus dem Fenster. Es beginnt zu regnen. Ich drehe mich herum, blicke auf das Bett. Dein Bett, das für fünf Tage unser Bett war. Darin lag all das Glück dieser Erde. Ich fühle mich schon gegangen. Wieder dieser Brief in den Händen. Bitte erst öffnen wenn Du die Lichter der Stadt nicht mehr siehst. Ein Stück Deines Herzens, ein Stück Entgültigkeit in einem gelben Umschlag. Wenn wir uns wiedersehen, so sind wir andere Menschen. Der Kaffee. Man sollte ihn schon getrunken haben und sollte schon hinaus gehen, sollte in Eile sein. Rennen, die Treppen hinunter und dann nach links. Da, das Werbeplakat. Ich verstehe es nicht. Kann die Sprache nicht lesen. Ich sah es gestern abend. Es hing an der gleichen Stelle, als wir ausstiegen. Ich habe einmal kurz links an Dir vorbei geschaut, als ich Dich küsste. Nur um mich zu vergewissern, dass die Welt, so wie ich sie kenne noch da ist. Sie ist auch heute morgen noch da, die Wirklichkeit. Sie ist hier, am gleichen Ort wie gestern. Nur wir rennen vorbei, in Eile. Wir nehmen sie nicht wahr, sondern packen sie sorgsam in einen gelben Umschlag, und erkennen sie erst, wenn wir die Lichter der Stadt nicht mehr sehen. Die Metro. Gestern fuhr sie für ein Lächeln, heute fährt sie für zwei Schatten. Der letzte Schluck Kaffee, ein feuchter trauriger Kuss. In der linken Hand der gelbe Umschlag, in der rechten deine zarte Hand ... und dann rennen wir los...in Richtung Erinnerung.

V

Bliebe alles im Leben nur 5 Tage
so wäre jedes einzelne Wort ein Roman
jedes Lächeln hätte einen Hauch von Ewigkeit von dem es getragen wird



Wie tief würdest Du ins Leben eintauchen
welches Ausmaß an Schmerzen ertragen um sogleich die Oberfläche zu zerschlagen
Wieviele Sekunden opfern um ein Urteil zu fällen
Würdest du besorgt sein zu bluten
Sähe man in der Stille eines Atemzuges Tränen über Deine Wangen rinnen
Hättest Du Furcht zu sterben.
Warum schreibt man ein Stück, das niemals die Bretter der Bühne sieht
Warum wachsen Flügel denen das Fliegen verwährt bleibt
Warum Augen, wenn wir vergeblich das Licht der Sonne suchen.
Warum Luft, wenn wir nichts als Illusion atmen.



Die stillende Hand der geordneten Überlegung
bedeckt den frischen Tau des Schoßes
Bittersüße Gedanken schwinden
als Funktion von Zeit und Entfernung
Würden wir uns auf die Suche begeben,
nach der verlorenen Zeit
bis das nächste Stück geschrieben wird,
neue Flügel wachsen
und Augen sich öffnen...
5 Tage

Hämoptyse des Lebens

Die inquisitiven Gedanken auf zentrifugal gerichtet drohen den Schädel zu zersprengen. Sofern sie es nicht vermögen die morbiden Knochen zu durchdringen, so derangieren sie doch das unmittelbar dahintergelegene Denken.
So ist es besser sie zerbersten und stieben
Im Flug begleitet von ein paar Knochensplittern im milden Südwestwind, als Nothung der Erinnerung.
Trifft es auf tändelndes Leben jedoch, von hierarchisch geordnetem Leid legitimiert sich’s als Nebenprodukt Fortunas im Schicksal der Tuilerien in seiner untunlichsten Gestalt in sich hineinblickend und mit blutenden Augen zurückkehrend. Nichts weiter als Zweimalgeborene unter dem revidierenden Auge der Vergangenheit.

Reisenacht im Zug




Reisenacht im Zug
Zugabteil 27. Frankfurt Hbf – Praha Hlavni Nadrazi.
Kurz vor Mitternacht.
Ihre Augen gleiten über die Zeilen ihres Buches
Der Blick wie auf Schienen entlang den Buchstaben
Sie hat etwas Fremdartiges, doch es lässt Platz für meinen Koffer.
Der Zigarettenrauch der einst hier wohnte ist weitergezogen.
Was sie liest bleibt ihr Geheimnis.
Die Züge ihres Gesichtes verraten nicht,
ob die Worte die sie andächtig aufsaugt
im Hintergrund ihrer Augen verweilen oder
ob sie tiefer in sie eindringen, gar berühren.
9 Stunden Nacht liegen vor mir,
ich fahre hinein mit ihr, der lautlos Lesenden
Das Geräusch des Umblätterns wie ein verlangsamter Herzschlag
Wissend um die lange Nacht – es muss sich also nicht beeilen.
Kann langsamer schlagen.
Ihre Augen gleiten unermüdlich auf den Schienen
Ich warte auf den einen Moment an dem sie anhalten
Und auf einem Wort ruhen wie ihre schwarzen Locken auf ihren Brüsten
Ein kurzer Halt auf den Schienen.
Zum Ein- und Aussteigen neuer und alter Gedanken.
Ein Gesicht zieht vorüber. Traut sich nicht hinein.
Ich halte den Atem an um sie nicht zu stören.
Da, … wieder einer ihrer Herzschläge.
Wie diszipliniert sie jedes einzelne Wort mit den Augen aufnimmt.
Als habe sie große Furcht auch nur eines könne auf dem Weg verloren gehen
Und man müsse die gesammte Nacht hindurch nach ihm suchen.
So gründlich ist man nicht für sich selbst. …
So gründlich ist man für einen anderen.
Sie bewahrt. Ihre Augen halten nicht an, um einen Gedanken herauszulassen.
Sie vermag es, die Nacht mit der Wärme eines erzählenden Menschen zu füllen,
doch hält sie sich in Schweigen,
damit nichts entschwindet., sie alles überbringen kann.
Nur in ganz seltenen Augenblicken verwendet sie eines der aufgenommenen
Worte, um die Kraft aufzubringen, selbst einen Herzschlag zu verrichten.
Doch nimmt sie ein unbedeutendes Wort,
das man später in der Erzählung nicht vermissen wird.
Es reicht gerade so aus.
Tschechische Grenze. Passkontrolle. Die Augen aus den Gleisen gerissen.
Es wird kein Wort gesprochen. Es darf nichts verloren gehen.
Pilsen. Bahnhof. Ein Seufzen. Ihre Brüste heben sich.
Ich wage die Defloration der Stille.
Was Lesen Sie? Die Augen gleiten zu mir herüber
- ich spüre die Gleise in meinem Gesicht - “Das Leben”
Wohin fahren Sie? - “Zu einem Sterbenden”