Thursday, September 14, 2006

Der ewige Blick


Der ewige Blick
Ich habe mich nie gefragt wie man ein Gesicht an ein Fenster ketten kann
Ich bin Zug gefahren.

Thursday, August 10, 2006

Ein Bett aus Eichenholz


Sie besitzt ein Bett aus Eichenholz. Sie hat darin von Träumen begleitet geschlafen, Zeitschriften gelesen, Kirschtee getrunken, Fieber aus ihrem Körper herausgeschwitzt, Tränen vergossen über einer verlorenen Liebe, Himbeergelebrötchen gegessen, sich um den Verstand vögeln lassen, über den Sinn des Lebens gerätselt. Jetzt schläft sie auf dem Boden, als Besucherin in ihrem eigenen Leben. Um sie herum,sind in regelmäßigen Abständen Bücher verteilt. Aus ihnen saugt sie Dasein, Erinnerung, Geschehen. Über sie fällt sie Urteil und schließlich in den sanften Schlaf.

Thursday, May 18, 2006

Vom Mann, der es nicht wissen sollte






Der Regen hatte das Kopfsteinpflaster gekühlt. Regenschirme fließen im Gleichstrom durch die Straßen und werden hier und da von einer Türe verschluckt. Ein kleiner Sonnenstrahl wirft sich noch einmal mutig vom Himmel. Für ihn gibt es hier nichts mehr zu finden. Eine alte Frau schiebt ihr graues Rad durch die leeren Gassen. Es hat einen braunen, durchnässten Sattel. In diesem Moment neigt sich die Sonne dem Mond und die Nacht legt behutsam einen Mantel des Schlafens auf die Stadt. Die auf dem regennassen Asphalt verschwommenen Lichter der Straßenlaternen geleiten die Stille sicher durch alle Winkel. Ein paar Ecken werden als schlaflos ausgespart. Jene bleiben die gesammte Nacht hindurch unbeeindruckt vom Machtspiel des Mondes. In eben diesem Moment, ein paar Straßen weiter: Ein Mann trinkt den letzten Schluck seines Gewürztraminers und dreht das Glas in seiner rechten Hand, bevor er es schließlich vorsichtig auf seinen Tisch stellt. Anschließend holt er einen Umschlag aus seiner Jackentasche
und wirft ihn unter die Holzbank auf der er sitzt. Ein Lächeln entwischt schmerzlich seinen Lippen. Er bezahlt mit großen Scheinen und verlässt das Lokal. Eine halbe Stunde später wird eine junge dunkelblonde Fau an seinem Tisch Platz nehmen, sich etwas die engen Schuhe lockern und dabei den Brief entdecken. Sie wird ihn öffnen, ein Glas Mineralwasser bestellen und das Blatt herausnehmen. Einen einzigen Satz wird sie darauf entdecken:
Heute, lieber François, ändert sich Dein Leben". Sie wird das Blatt beiseite legen und überlegen. "Ob er es gelesen hat, bevor er den Umschlag verlor? Ob er es weiß?" Der Mann hat noch den Geschmack seines Weines im Mund, als er die lange Straße hinunter läuft. Zwei Straßenecken weiter sieht er ein altes Rad mit braunem Sattel auf dem Boden liegen. Eine halbe Stunde später wird ein junger verschwitzter Arzt seine Bemühungen einstellen und akzeptieren, dass die alte Frau, die er in seinen Händen hält, schon lange tot ist. Der Mann nimmt das Rad und lehnt es an die verschmutzte Hauswand. Er geht weiter.


Hier gibt es M&Ms, Snickers und gesalzene Erdnüsse aus einem Automaten, warmes Dosenbier und Himbeerbrause aus einem anderen. Er geht die Treppen hinunter. Aus einem alten kratzigen Radio klingen Bachs Schüblersche Choräle. Eine verrostete Petroliumlampe zeigt ihm den Weg. Dort sah er ihn. Er war alt, saß auf der untersten Treppe und starrte ihm direkt in die Augen. Er erschrak und flüsterte dem Alten entgegen:
“Ich dachte du bist gestorben, alleine, und das vor langer Zeit. Und dann, dann schien es mir als habe ich Menschen gesehen, die in sich versunken von deinem Requiem zurück kamen. Man erkannte die Angst in ihren Gesichtern. Zarte Kindergesichter mit Angst und Unwissen, vom Leben geprägte Gesichter der Greise erfüllt mit der Angst der Gewissheit. “Nein, da irren Sie sich, mein Freund. Wir verloren nie die Kontrolle, nur das Interesse. Wir haben die Welt verkauft und uns zurück gezogen. Autoregulation. Ein Kausalnetz, dass sich immer wieder von selbst webt. Der Überlebenswille als universeller Antrieb meiner immerwährenden Existenz und doch bin ich nur Fundament und Deckengewölbe. Spielen sie Skat? Nein? Zu schade.
Was glauben Sie haben sie vor sich, führte der alte Mann fort? Einen Toten? Würden Sie eine Rund Skat verlieren, gegen einen Toten. Wäre es der Beweis meiner Existenz? Würden Sie hinauf gehen und schreien, dass ich lebe. Sie haben es schließlich mit ihren eigenen entzündeten Augen gesehen.
Er antwortete dem alten Mann nicht. Warf die Karten zu Boden und ging zum Automaten. Für 90 Cent bekam er eine Dose Bier. Dabei wurde ihm bewusst, dass er ihn geduzt hatte. Tot, bekannt, eigen. So war das also. Er ging zurück, setzte sich wieder auf die Treppe und teilte das Schweigen. Da kam ein junges Mädchen vorbei und suchte ihr Rad. Er traute sich nicht zu antworten. Er trank sein Bier, es war warm und scheußlich. “Sie werden diesen Ort nicht verlassen, nicht ohne eine Runde Skat mit mir gespielt zu haben.” “Aber warum das alles”, gab er zu bedenken. “Ganz einfach, erwidert der Alte, ”das Leben misst sich nicht in Intensitäten sondern in Kontrasten.” Aber das heißt noch lange nicht..
Wie messen sie die Zierde mit der sich eine Blume der Sonne neigt, das Lachen eines Kindes, den zarten Geschmack eines weiblichen Geschlechtes in das sie mit Ihrer Zunge eintauchen, die wärmende Sonne auf ihren Wangen, ohne den Geruch der Fäulnis zu kennen, ohne den Dorn des Todes zu spüren, ohne mit dem Gefühl vertraut zu sein, wie kalte Angst in ihrem Körper aufsteigt? Haben sie es niemals gelernt. Haben sie es nicht erkannt? Mensch sein, bedeutet Kontraste erleben. Würden sie den süßen Geschmack des Honigs schätzen, ohne das Wissen um die bittere Medizin? Wie intensiv würden sie lieben können, wenn sie sowieso jeden liebten? Würden sie das wunderbare Gefühl der menschlichen Geborgenheit in ihrem tiefsten Inneren empfinden ohne das Bedürfnis nach Schutz? Jetzt nehmen sie schon die Karten und fangen sie an zu spielen.

Am darauffolgenden frühen Morgen, würde jemand im Keller eines Instituts für Pathologie mit einem stumpfen Bleistift auf einen Notitzzettel schreiben.
Letzte Nacht- 2 Tote – Frau 82- Herzversagen, die Verletzungen sind von einem Radsturz –Mann 42 – Alkohol und Überdosis Meskalin, wahrscheinlich Suizid –sehen uns diese Woche nicht, bin mit meiner Frau und den Kindern beim Zelten.

Tuesday, March 14, 2006

Unbekannter Ort, Bahnhof, Gleis 3 - Ostersamstag.

Der Regen der sich so gierig in Deine dunklen Haare saugte
Er hat 15min Verspätung - das reicht gerade noch.
Der Geruch eines Bahnhofs. Würde es doch regnen. Deine Hand fühlt sich kalt an. Du zitterst. Du bist heute aufgewacht, du hast Frühstück gemacht. Doch das Lächeln blieb liegen. Es ruht noch immer auf Deinem Kissen. Du tränkst es mit Deinen Tränen. Du duschst alleine. Ausnahmsweise. Deine Hände krallen sich in mein Hemd. Du flehst mich an zu bleiben. Für ein Leben. Doch im Moment stehst Du noch unter der Dusche. Du weinst fürchterlich. Man hört es lauter als das Wasser. Meine Hände suchen Halt an der alten Kaffeetasse. Ich blicke aus dem Fenster. Es beginnt zu regnen. Ich drehe mich herum, blicke auf das Bett. Dein Bett, das für fünf Tage unser Bett war. Darin lag all das Glück dieser Erde. Ich fühle mich schon gegangen. Wieder dieser Brief in den Händen. Bitte erst öffnen wenn Du die Lichter der Stadt nicht mehr siehst. Ein Stück Deines Herzens, ein Stück Entgültigkeit in einem gelben Umschlag. Wenn wir uns wiedersehen, so sind wir andere Menschen. Der Kaffee. Man sollte ihn schon getrunken haben und sollte schon hinaus gehen, sollte in Eile sein. Rennen, die Treppen hinunter und dann nach links. Da, das Werbeplakat. Ich verstehe es nicht. Kann die Sprache nicht lesen. Ich sah es gestern abend. Es hing an der gleichen Stelle, als wir ausstiegen. Ich habe einmal kurz links an Dir vorbei geschaut, als ich Dich küsste. Nur um mich zu vergewissern, dass die Welt, so wie ich sie kenne noch da ist. Sie ist auch heute morgen noch da, die Wirklichkeit. Sie ist hier, am gleichen Ort wie gestern. Nur wir rennen vorbei, in Eile. Wir nehmen sie nicht wahr, sondern packen sie sorgsam in einen gelben Umschlag, und erkennen sie erst, wenn wir die Lichter der Stadt nicht mehr sehen. Die Metro. Gestern fuhr sie für ein Lächeln, heute fährt sie für zwei Schatten. Der letzte Schluck Kaffee, ein feuchter trauriger Kuss. In der linken Hand der gelbe Umschlag, in der rechten deine zarte Hand ... und dann rennen wir los...in Richtung Erinnerung.

V

Bliebe alles im Leben nur 5 Tage
so wäre jedes einzelne Wort ein Roman
jedes Lächeln hätte einen Hauch von Ewigkeit von dem es getragen wird



Wie tief würdest Du ins Leben eintauchen
welches Ausmaß an Schmerzen ertragen um sogleich die Oberfläche zu zerschlagen
Wieviele Sekunden opfern um ein Urteil zu fällen
Würdest du besorgt sein zu bluten
Sähe man in der Stille eines Atemzuges Tränen über Deine Wangen rinnen
Hättest Du Furcht zu sterben.
Warum schreibt man ein Stück, das niemals die Bretter der Bühne sieht
Warum wachsen Flügel denen das Fliegen verwährt bleibt
Warum Augen, wenn wir vergeblich das Licht der Sonne suchen.
Warum Luft, wenn wir nichts als Illusion atmen.



Die stillende Hand der geordneten Überlegung
bedeckt den frischen Tau des Schoßes
Bittersüße Gedanken schwinden
als Funktion von Zeit und Entfernung
Würden wir uns auf die Suche begeben,
nach der verlorenen Zeit
bis das nächste Stück geschrieben wird,
neue Flügel wachsen
und Augen sich öffnen...
5 Tage

Hämoptyse des Lebens

Die inquisitiven Gedanken auf zentrifugal gerichtet drohen den Schädel zu zersprengen. Sofern sie es nicht vermögen die morbiden Knochen zu durchdringen, so derangieren sie doch das unmittelbar dahintergelegene Denken.
So ist es besser sie zerbersten und stieben
Im Flug begleitet von ein paar Knochensplittern im milden Südwestwind, als Nothung der Erinnerung.
Trifft es auf tändelndes Leben jedoch, von hierarchisch geordnetem Leid legitimiert sich’s als Nebenprodukt Fortunas im Schicksal der Tuilerien in seiner untunlichsten Gestalt in sich hineinblickend und mit blutenden Augen zurückkehrend. Nichts weiter als Zweimalgeborene unter dem revidierenden Auge der Vergangenheit.

Reisenacht im Zug




Reisenacht im Zug
Zugabteil 27. Frankfurt Hbf – Praha Hlavni Nadrazi.
Kurz vor Mitternacht.
Ihre Augen gleiten über die Zeilen ihres Buches
Der Blick wie auf Schienen entlang den Buchstaben
Sie hat etwas Fremdartiges, doch es lässt Platz für meinen Koffer.
Der Zigarettenrauch der einst hier wohnte ist weitergezogen.
Was sie liest bleibt ihr Geheimnis.
Die Züge ihres Gesichtes verraten nicht,
ob die Worte die sie andächtig aufsaugt
im Hintergrund ihrer Augen verweilen oder
ob sie tiefer in sie eindringen, gar berühren.
9 Stunden Nacht liegen vor mir,
ich fahre hinein mit ihr, der lautlos Lesenden
Das Geräusch des Umblätterns wie ein verlangsamter Herzschlag
Wissend um die lange Nacht – es muss sich also nicht beeilen.
Kann langsamer schlagen.
Ihre Augen gleiten unermüdlich auf den Schienen
Ich warte auf den einen Moment an dem sie anhalten
Und auf einem Wort ruhen wie ihre schwarzen Locken auf ihren Brüsten
Ein kurzer Halt auf den Schienen.
Zum Ein- und Aussteigen neuer und alter Gedanken.
Ein Gesicht zieht vorüber. Traut sich nicht hinein.
Ich halte den Atem an um sie nicht zu stören.
Da, … wieder einer ihrer Herzschläge.
Wie diszipliniert sie jedes einzelne Wort mit den Augen aufnimmt.
Als habe sie große Furcht auch nur eines könne auf dem Weg verloren gehen
Und man müsse die gesammte Nacht hindurch nach ihm suchen.
So gründlich ist man nicht für sich selbst. …
So gründlich ist man für einen anderen.
Sie bewahrt. Ihre Augen halten nicht an, um einen Gedanken herauszulassen.
Sie vermag es, die Nacht mit der Wärme eines erzählenden Menschen zu füllen,
doch hält sie sich in Schweigen,
damit nichts entschwindet., sie alles überbringen kann.
Nur in ganz seltenen Augenblicken verwendet sie eines der aufgenommenen
Worte, um die Kraft aufzubringen, selbst einen Herzschlag zu verrichten.
Doch nimmt sie ein unbedeutendes Wort,
das man später in der Erzählung nicht vermissen wird.
Es reicht gerade so aus.
Tschechische Grenze. Passkontrolle. Die Augen aus den Gleisen gerissen.
Es wird kein Wort gesprochen. Es darf nichts verloren gehen.
Pilsen. Bahnhof. Ein Seufzen. Ihre Brüste heben sich.
Ich wage die Defloration der Stille.
Was Lesen Sie? Die Augen gleiten zu mir herüber
- ich spüre die Gleise in meinem Gesicht - “Das Leben”
Wohin fahren Sie? - “Zu einem Sterbenden”